Viele von uns haben Stunden auf den Dächern von Florenz verbracht, Außenposten in Far Cry gestürmt und sich in Anno in Produktionsketten verloren. Gerade deshalb ärgert es mich, wie oft gerade so getan wird, als hätte Ubisoft vor allem ein Qualitätsproblem. Meine Meinung ist eine andere: Das Ubisoft Geschäftsmodell ist das eigentliche Risiko, nicht die Spiele.
Wer auf die letzten zwei Jahre schaut, sieht keine Firma, die plötzlich verlernt hat, Spiele zu machen. Man sieht einen Konzern, der sich über ein Jahrzehnt auf ein Modell festgelegt hat, das immer mehr Geld, immer mehr Leute und immer mehr Zeit frisst: riesige Open Worlds, möglichst viele Systeme, möglichst viel Inhalt, finanziert über eine Handvoll Marken. Dieses Modell funktioniert nur, solange jeder große Release ein Hit wird. Und genau das klappt nicht mehr zuverlässig.
Das Ubisoft Geschäftsmodell in Zahlen
Die Zahlen sind deutlich. Im Geschäftsjahr 2025-26 kam Ubisoft laut eigenem Geschäftsbericht auf Net Bookings von 1,525 Milliarden Euro, 17,4 Prozent weniger als im Vorjahr. Das operative Ergebnis nach IFRS lag bei minus 1,32 Milliarden Euro. Für das laufende Geschäftsjahr 2026-27 rechnet das Unternehmen selbst mit noch einmal leicht sinkenden Net Bookings im hohen einstelligen Prozentbereich und mit einer negativen operativen Marge.
Gleichzeitig spart Ubisoft massiv. Die Fixkosten wurden seit dem Geschäftsjahr 2022-23 nach eigenen Angaben um rund 325 Millionen Euro gesenkt, bis März 2028 sollen es 500 Millionen werden. Im Januar 2026 hat die Firma zudem einen großen Umbau angekündigt: neue „Creative Houses“, gestrichene Projekte, darunter das lange erwartete Remake von Prince of Persia: The Sands of Time, und verschobene Spiele. Das klingt nach Aufräumen. Für mich klingt es vor allem nach dem Eingeständnis, dass das alte Ubisoft Geschäftsmodell so nicht weiterläuft.

Die Spiele sind gar nicht das große Problem
Jetzt kommt der Teil, der in vielen Debatten untergeht: Die Qualität stimmt oft. Ubisoft selbst hebt im Jahresbericht hervor, dass Assassin’s Creed Shadows, Anno 117: Pax Romana und die Erweiterung zu Avatar: Frontiers of Pandora über 80 Punkte auf Metacritic liegen. Und mit Prince of Persia: The Lost Crown kam ein kleineres, fokussiertes Metroidvania, das viele Spieler für eines der besten Ubisoft-Spiele seit Jahren halten.
Schlechte Spiele sehen anders aus. Das Problem ist, dass ein „gutes“ Spiel bei Ubisoft nicht reicht. Wenn ein Projekt viele Jahre und Teams auf mehreren Kontinenten bindet, muss es nicht gut sein, sondern gigantisch erfolgreich. Ein solider Achtungserfolg ist in diesem Modell ein finanzielles Problem.
Immer größer, immer teurer: die Open-World-Falle
Ubisoft hat das moderne Open-World-Rezept geprägt: Karte aufdecken, Icons abarbeiten, Außenposten einnehmen, Ausrüstung verbessern. Das war vor zehn Jahren frisch. Heute erkennen viele von uns nach zehn Minuten, welche Schleife sie die nächsten 60 Stunden spielen werden. Und genau das ist für mich das Problem: Viele brechen solche Spiele nicht ab, weil sie schlecht sind, sondern weil sie die Struktur schon zu gut kennen.
Das wäre verkraftbar, wenn diese Welten günstig wären. Sie sind aber das Teuerste, was man in der Branche bauen kann. Jede neue Generation will mehr Details, mehr Figuren, mehr Systeme. Skull and Bones ist das Paradebeispiel: 2017 angekündigt, im Februar 2024 veröffentlicht und von Yves Guillemot laut VGC als „Quadruple-A“-Spiel bezeichnet. Am Ende stand ein Piratenspiel, über das kaum noch jemand spricht. Mehr Budget hat dort nicht mehr Spielspaß gekauft.
Abhängig von ganz wenigen Marken
Der zweite Baustein des Problems ist die Markenstrategie. Ubisoft hat im Jahr 2025 mit Vantage Studios eine eigene Tochter rund um Assassin’s Creed, Far Cry und Rainbow Six gegründet. Tencent hat dafür laut Ubisoft 1,16 Milliarden Euro investiert und hält 26,32 Prozent. Das hat die Bilanz entlastet, zeigt aber auch, wo Ubisoft seinen Wert sieht: in drei Marken.
Für das aktuelle Geschäftsjahr nennt Ubisoft im Ausblick als großen Titel Assassin’s Creed Black Flag Resynced, ein Remake eines Spiels von 2013, dazu weitere „gezielte Premium-Spiele auf Basis etablierter Ubisoft-Marken“. Die große Erholung erwartet das Unternehmen erst für 2027-28 mit neuen Teilen von Assassin’s Creed, Far Cry und Ghost Recon. Wenn eine Firma ihre Zukunft so klar an wenige Serien knüpft, reicht ein schwächerer Teil, um ein ganzes Geschäftsjahr zu gefährden.

Live-Service als Rettungsanker? XDefiant zeigt das Risiko
Die naheliegende Antwort vieler Publisher lautet: Dauerbrenner bauen, die jahrelang Geld bringen. Ubisoft hat das mit Rainbow Six Siege geschafft. Mit XDefiant hat es nicht funktioniert. Im Dezember 2024 verkündete Ubisoft das Aus für den Free-to-play-Shooter, am 3. Juni 2025 gingen die Server offline. Die Studios in San Francisco und Osaka wurden geschlossen, der Standort Sydney heruntergefahren. Nach Ubisofts Angaben verließen 143 Menschen das Unternehmen in San Francisco, 134 weitere in Osaka und Sydney waren betroffen.
Live-Service ist also kein Geschäftsmodell, das man einfach einschaltet. Es ist ein zweites, ebenso teures Wettrennen gegen Fortnite, Call of Duty und Co.
Kann Ubisoft ohne immer größere Spiele Geld verdienen?
Ja, und genau das ist der Punkt meiner Meinung. Ubisoft hat die Studios, die Technik und die Talente, um kleinere, mutigere Spiele zu machen. The Lost Crown hat gezeigt, dass das geht. Anno zeigt, dass eine treue Nische über Jahre zuverlässig funktioniert. Was fehlt, ist der Mut, nicht jedes Projekt zum nächsten 200-Stunden-Universum aufzublasen.
Ich würde mir wünschen, dass Ubisoft wieder Spiele mit klaren Grenzen baut: 20 bis 30 Stunden, eine starke Idee, eine dichte Welt statt einer riesigen. Solche Spiele sind günstiger, schneller fertig und müssen nicht zehn Millionen Mal verkauft werden, um sich zu lohnen. Die neue Struktur mit eigenen Creative Houses könnte genau das ermöglichen, wenn sie nicht nur zum Sparen genutzt wird.
Mein Fazit: Das Ubisoft Geschäftsmodell muss kleiner werden
Ubisoft wird nicht an schlechten Spielen scheitern. Ubisoft scheitert, wenn es weiter glaubt, jedes Spiel müsse größer, teurer und länger sein als das letzte. Die Zahlen aus 2025-26 zeigen, dass dieses Modell an seine Grenze gekommen ist. Die gute Nachricht: Die Spiele selbst sind oft gut genug. Jetzt muss nur noch das Geschäftsmodell dazu passen. Ich hoffe ehrlich, dass Ubisoft diese Chance nutzt, denn ich will auch in zehn Jahren noch über Dächer klettern, die von diesem Studio gebaut wurden.
Mehr zum Publisher findet ihr auf unserer Seite zu Ubisoft.









