Zwei Rollen, ein Spiel
Es gibt Spielideen, die auf dem Papier so absurd klingen, dass man sie eigentlich sofort abtun möchte – und dann spielt man sie und merkt, wie clever die Kombination eigentlich ist. Genau das passiert mit Fell & Sell, dem neuesten Titel von Art Games Studio S.A. in Zusammenarbeit mit PlayWay. Die Grundidee: Du bist gleichzeitig Abenteurer und Ladenbesitzer. Zwischen den Runs stehst du hinter deiner Verkaufstheke und feilschst um Preise, kurz darauf wagst du dich mit dem Schwert in der Hand in gefährliche Dungeons, um genau die Ware zu besorgen, die du später verkaufen willst. Diese Doppelrolle ist das Herzstück des Spiels und funktioniert überraschend gut.
Im Dungeon: Risiko trifft Tempo
Die Dungeon-Passagen spielen sich als temporeiches First-Person-Hack’n’Slash mit klarer Roguelike-Struktur: Man kämpft sich durch Horden von Skeletten und anderen Fantasy-Gegnern, sammelt Loot und muss sich ständig entscheiden, ob man mit der aktuellen Beute nach Hause geht oder noch eine Ebene tiefer riskiert. Das Risiko ist dabei real spürbar – stirbt man, verliert man die komplette unversicherte Beute des laufenden Runs. Dieses simple, aber wirkungsvolle Push-your-luck-Prinzip sorgt für einige richtig anspannende Momente, gerade wenn man kurz vor dem Ausgang steht und noch eine Truhe in Sichtweite hat.
Damit sich die Runs nicht zu repetitiv anfühlen, spielen sogenannte Dungeon-Altäre eine wichtige Rolle. Sie verändern den eigenen Spielstil radikal: Mal schrumpft man auf Miniaturgröße, um riesigen Angriffen einfach auszuweichen, mal verwandelt man mit dem „Midas Touch“ schwere Gegenstände direkt in Gold, oder man wechselt zwischen zwei völlig unterschiedlichen Kampfzuständen. Diese Build-Vielfalt gibt dem eigentlich simplen Kampfsystem mehr Tiefe, als man zunächst erwarten würde – auch wenn hartgesottene Action-Fans wahrscheinlich mehr mechanische Komplexität erwarten würden.
Neben den klassischen Dungeons gibt es mit dem „Living Forest“ eine zweite Umgebung, die sich dynamisch verändert: Goblin-Überfälle, plötzliche Gewitter oder auch mal eine Pilzsaison, die für psychedelische Bildschirmeffekte sorgt, bringen Abwechslung ins Spiel. Nett gemacht, wenn auch inhaltlich nicht überraschend tief.
Zuhause: Werkbank, Deko und Preisschild
Der eigentliche Clou ist die Management-Seite. Nach jedem Run kehrt man in die eigene Hütte zurück, schmiedet stärkere Waffen, craftet Rüstungen und – das ist der wirklich interessante Teil – gestaltet den eigenen Laden. Die Möbelplatzierung ist dabei nicht rein kosmetisch: Bestimmte Deko-Kombinationen geben permanente Kampfboni für den nächsten Dungeon-Trip oder erhöhen die Attraktivität des Ladens für Kunden. Das verbindet die beiden Spielhälften auf clevere Weise miteinander, statt sie einfach nebeneinander existieren zu lassen.
Preisgestaltung wird ebenfalls zum eigenen Mini-Spiel: Man legt die Preise für die eigene Ware selbst fest, basierend auf Angebot, Nachfrage, dem Prestige des Ladens und den eigenen Deko-Boni. Zu teuer, und die Ware verstaubt in den Regalen. Zu billig, und man rutscht in die roten Zahlen. Dieses ökonomische Element ist simpel gehalten, gibt dem Spiel aber einen zusätzlichen strategischen Layer, der über reines Kämpfen und Craften hinausgeht.
Technik, Optik und Community-Stimmung
Technisch präsentiert sich Fell & Sell in einem stylisierten, bunten Fantasy-Look, der für ein Indie-Studio ordentlich aussieht, aber niemanden mit High-End-Grafik vom Hocker reißen wird. Die Systemanforderungen sind entsprechend genügsam – schon eine GTX 760 reicht für den Einstieg. Die Steam-Reviews fallen mit „Größtenteils positiv“ bei knapp 700 Bewertungen und rund 78 % Zustimmung durchaus solide aus, was für ein frisch erschienenes Spiel dieser Preisklasse ein guter Start ist.
Story? Eher Nebensache
Erzählerisch bleibt Fell & Sell bewusst schlank. Eine ausgefeilte Story sollte man hier nicht erwarten – das Spiel lebt komplett vom Gameplay-Loop aus Kämpfen, Sammeln, Craften und Verkaufen, garniert mit einem humorvollen, leicht ironischen Ton („Wenn du das hier liest, wurdest du noch nicht von einem Skelett gemetzelt – Glückwunsch!“).
Fazit
Für Fans von Roguelikes mit Management-Einschlag, die schon Spaß an Titeln wie Moonlighter oder Potion Craft hatten, aber sich mehr direkte Action wünschen, ist Fell & Sell mit rund 9-10 Euro Einstiegspreis eine faire Empfehlung. Wer eine tiefgehende Geschichte oder ein technisch besonders ausgefeiltes Kampfsystem sucht, wird hier allerdings nicht komplett bedient. Als kurzweiliger Loop mit viel Wiederspielwert und einer erfrischend eigenständigen Idee funktioniert es aber sehr gut.



















